Coolness oder Kälte zum Überleben!?

Emotionale „Kälte“ als reduzierte Gefühle wird zu einer Überlebensstrategie der Menschen angesichts der Schübe und Brüche der modernen Zeit der Modernisierung und Globalisierung, eine Reaktion auf unerträgliche Lebensumstände.

Die Wurzeln der „Coolness“ können in den afrikanischen Sklaven liegen, die nach Nordamerika verschleppt wurden. Deren Nachfahren haben Cool-Sein zu einem Exportschlager der USA gemacht – beginnend mit dem Cool Jazz und verändert weiterlebend in den Ghettogangster-Posen des Hip-Hop.

Es geht darum, „dem Menschen einen angstfreien Zugang zum Prozeß der Modernisierung zu erschließen und einen Freiheitsspielraum zu konstruieren.“ (Helmut Lethen, Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt/M 1994) Es geht um „das Aushaltenkönnen im Eis einer modernen Welt ohne wärmenden Gott“

Diese Verhaltenslehren der Kälte gelten als Möglichkeit, die Existenz zu verwirklichen.

„Die zwanziger Jahre sind ein Augenblick tiefwirkender Desorganisation. Vertraute Orientierungsmuster der wilhelminischen Gesellschaft haben keine Geltung mehr. […] Der Krieg hat die Einsicht der pessimistischen Anthropologie gefördert, daß der Mensch ‚von Natur aus’ zur Destruktion neigt und die Zivilisation einen barbarischen Kern hat.“

In seinem Essay „Verhaltensleeren der Kälte“ widmet sich Helmut Lethen Tendenzen und Ausformungen einer avantgardistischen Anthropologie nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Er legt dar, wie in einer Zeit großer Verunklarung „verbindlicher“ Werte und normativer Entscheidungskriterien ein Habitus zu Tage tritt, der durch Merkmale wie Wahrnehmungsschärfe, Nüchternheit, Realismus, Kühle und Kälte gekennzeichnet sei. Dabei bezieht sich Lethen auf die „Grenzen der Gemeinschaft“ von Helmut Plessner (1924): „Traditionell negativ bewertete Merkmale wie Anonymität, Aufenthaltslosigkeit, Zerstreuung und Seinsentlastung werden von Plesner als Möglichkeitshorizont begrüßt, ohne den sich eine menschliche Existenz nicht auf spezifisch humane Weise verwirklichen kann“
Die Schriften von Jünger, Schmitt und Brecht (die Literatur der Neuen Sachlichkeit) bekamen den Charakter von „Anweisungen“ und „Verhaltenslehren“. Dabei wurde klarer zwischen dem „Eigenen und Fremden, Innen und Außen unterscheiden“ mit dem Ziel der Gewinnung von Verhaltenssicherheit in der Erlernung von Techniken, „mit denen sich die Menschen nahe kommen, ohne sich zu treffen, mit denen sie sich von einander entfernen, ohne sich durch Gleichgültigkeit zu verletzen“ (Plessner).

Coolness als Machtinstrument

Die Herrschenden haben über Jahrhundert gelernt, dass derjenige, der andere Menschen beherrschen will, sich selbst beherrschen muss. (siehe Film und Buch „Gefährliche Liebschaften“). Königin Elizabeth II. zeigte ihr ganzes Leben lang fast nie Gefühle.

Die heutige amerikanische Managerkaste hat ein Leitbild verinnerlicht, nachdem derjenige, der Gefühle zeigt, als schwach gilt, weil er nicht mehr logisch handeln kann. Dort wächst eine ganze Generation von jungen Mr. Spocks (aus dem Star-Trek-Universum) heran. Wut und Enttäuschung über grobe Fehlentscheidungen sowie Ungerechtigkeiten sollten in den Reaktionen nicht erkennbar sein.

Coole Sau

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Modische Coolness heutiger Jugend

Im krassen Gegensatz zum heutigen Herrschafts- und Managerverhalten mit starker Selbstbeherrschung sind die hervorstechenden Merkmale vieler junger, perspektivloser Menschen  eher Aggression und Gewalt gegenüber einem mangelhaften „Respekt“ ihnen gegenüber (wie sie ihn verstehen). Diese Coolness gilt dann als eine Rechtfertigung für berufliches, emotionales und geistiges Versagen dieser Menschen, die sich verlassen, verraten und verkauf fühlen von den Herrschenden in der Gesellschaft.

Design Charrette - Aggression

Foto: Jeff Werner via Compfight

 

Die „Kalte Person“ 
Für einen Zugang zum Leben in dieser äußeren Welt und damit zu einem spezifischen Modus der eigenen Identitätsfindung ergibt sich die Kunstfigur der „kalten Persona“ und deren verinnerlichte „Psychologie des Außen“.
Die Erfahrungen des Lebens in den Großstädten, in denen sich die Verwerfungen der Modernisierung prototypisch abbilden, schaffen keine „Sinnproduktion“: Die alltäglich erfahrene Komplexität der als feindlich empfunden Umwelt mag durch technische Mittel zu überwinden gehofft werden. Sie ist dennoch nicht abschließbar. Und wenn das „Außen“ als ungeordnet und widersprüchlich erlebt wird, zersplittert irgendwann auch die Innenwelt und das Innenleben. Die Umgebung der Menschen wird damit prägend zum Spiegel ihrer inneren seelischen Konfusion.
Die Still- und „Kalt“-Stellung des Bedrohlichen soll geleistet werden

  • durch den coolen, ernüchterten, distanzierten Blick,
  • durch eine quasi nicht betroffene Beobachterperspektive,
  • durch eine stoische Selbstpanzerung als „kalte Persona“.

Gleichgültigkeit, Kälte und Distanz werden mit dieser Neuen Sachlichkeit als Überlebensstrategien der Helden positiv dargestellt und propagiert.

Bertold Brecht „Aus einem Lesebuch für Städtebewohner“ (1926):„Was immer du sagst, sage es nicht zweimal. / Findest du deinen Gedanken bei einem andern: verleugne ihn. / Wer seine Unterschrift nicht gegeben hat, wer kein Bild hinterließ / Wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat / Wie soll der zu fassen sein! Verwisch die Spuren.“

Identität in der Fremdwahrnehmung
Die „kalte Person“ findet ihre Identität folgerichtig ausschließlich in der Fremdwahrnehmung der mit ihr in Konkurrenz stehenden Menschen. Diese Mitwelt  ist „immer unversöhnlich“ und gibt dem Menschen ein Spiegelbild realitätstüchtiger Selbsterkenntnis, weil es ums Überleben geht. Nur gespannte Wachsamkeit und die Bereitschaft, sich jederzeit aus zwischenmenschlichen und sonstigen emotionalen Bindungen zu lösen, gewährleisten Mobilität. Die „kalte Person“ darf sich auch auf keine Eigenschaft festnageln lassen, weil nur die völlige Eigenschaftslosigkeit den Handlungsradius erhöht.

Verkehr als Modell der Wahrnehmung
Der zentrale Schauplatz für die Austragung der immanenten Konflikte ist der Verkehr. Der Verkehr führe die Mobilität der Kriegszeit in zivile Bahnen. „Der Verkehr verwandelt Moral in Sachlichkeit und erzwingt funktionsgerechtes Verhalten.“ (Helmut Lethen)  Dieser Verkehr kreist zwar um eine leere Mitte womit der Verlust der Mitte belebend wird und die Sinne jetzt auf die Zirkulation selber gerichtet sind, denn alles verkehrt miteinander, hängt vernetzt zusammen. So prägen kulturelle Umstände das individuelle Verhalten von coolen Menschen.

Die Beruhigungs-Fähigkeit

Sich beruhigen zu können,ist vielleicht das wichtigste Kennzeichen geistiger Normalität geworden, denn „Gesundheit ist nicht Autonomie, sondern die Fähigkeit, Abhängigkeit zu ertragen„. Wenn die Beruhigungsfähigkeit in emotionale „Kälte“ umschlägt (wie zum Beispiel bei der Krankheit Alexithymie), dann stecke häufig eine schlimme Bindungserfahrung als Kind dahinter (Michael Huber)

Links: 

Was ist eigentlich cool?