
Ein Akkusymbol bei 3% |
Markus Langemann:, Club der klaren Worte <studio@clubderklarenworte.de>
Man muß im Sommer nur lange genug an einem Strandcafé sitzen, um das Gefühl zu bekommen, der menschliche Körper habe irgendwann beschlossen, kein Körper mehr sein zu wollen, sondern eine öffentliche Pinnwand. Früher war Haut eine Grenze. Heute ist sie Oberfläche. Eine Art analoges Display. Ein Organ, das einmal schützen, atmen, fühlen sollte, dient nun als Anschlagbrett für Lebensmotti, halbe Mythen, abgebrochene Sehnsüchte und grafische Kurzschlüsse. Ich beobachte das seit einiger Zeit mit wachsender Ratlosigkeit. Im öffentlichen Raum, an Flughäfen, Uferpromenaden, Hotelpools, Supermarktkassen breitet sich eine Ornamentik aus, die mit Schmuck oft nur noch die Absicht gemein hat. Das Nackte wird verziert, häufig gerade dort, wo Verhüllen dem Auge mehr gegeben hätte. Ein gutes Hemd. Ein Kleid. Ein Hauch Abstand. Stattdessen: Tinte. Linien. Schatten. Tribals, die aussehen wie die Bedienungsanleitung eines defekten Dacias. Rosen, die wirken, als seien sie von einem Floristen mit Groll gezeichnet worden. Schädel, Flügel, Zahlen, Koordinaten, Namen, Tiere, Zeichen, Pfeile, Sprüche. Die Haut als schlecht kuratierte Galerie des eigenen Innenlebens. In meinem jüngsten Buch habe ich schon mal darüber gestrunzt. Vielleicht ist es ein Zerrbild meiner Wahrnehmung. Vielleicht liegt es an der grellen Sonne, an Chlor, Salz, Müdigkeit, an meiner ungnädig gewordenen Linse. Vielleicht fallen Tätowierungen auf heller Haut nur stärker ins Auge, weil dunkle Tinte dort mehr Kontrast macht als auf dunkler Haut. Ich habe keine Studie durchgeführt, keine Stichprobe ausgewertet, keine soziologische Feldarbeit im engeren Sinn betrieben. Ich saß lediglich da, trank Kaffee, sah Menschen vorbeigehen und mußte feststellen: Die Gegenwart hat sich beschriftet. Und sie hat es nicht gut gemacht. Das eigentlich Interessante an der Tätowierung ist ja nicht, daß Menschen sich tätowieren lassen. Das ist alt. Sehr alt. Rituell, stammesgeschichtlich, maritim, militärisch, kriminologisch. Der tätowierte Körper war einmal Zeichen von Zugehörigkeit, Mutprobe, Initiation, Erinnerung, Rang, Abgrenzung. Seeleute, Soldaten, Häftlinge, Schausteller, Subkulturen, Außenseiter. Die Haut trug Spuren einer Welt, in der der Körper noch Risiko kannte. Ein Anker bedeutete einmal Meer. Ein Drache vielleicht Gefahr. Ein Name konnte Liebe sein oder der Anfang eines langen Bedauerns. Heute hingegen wirkt vieles wie ein Warenkorb bei amazon.de. Man sieht Motive, die aussehen, als hätten sie im Auswahlmenü zwischen „Mystik“ und „Rabattcode“ gestanden. Eine Uhr ohne Zeiger, weil zeitlos. Ein Wald am Unterarm, weil Natur. Ein Kompaß, weil Richtung, obwohl der Träger gerade orientierungslos vor der Eisdiele steht und nicht weiß, ob Pistazie oder Mango. Mein Kellner, vorgestern im Café in der Münchner Maximilianstrasse, hatte sich an die Gurgel „Love yourself“ kritzeln lassen. Ernsthaft! Beliebt sind auch Schriftzüge in Sprachen, die der Tätowierte nicht spricht, Zeichen, die er nicht lesen kann, und eben jene Lebensmaximen, die in ihrer poetischen Tiefe ungefähr dort liegen, wo ein Hotel-WLAN-Paßwort beginnt. „Stay strong.“ – „Never give up.“ – “ Love yourself.“ – „Breathe.“ Man möchte antworten: Ja. Atmen ist grundsätzlich eine belastbare Empfehlung. Gerade aus sommerlichen Gefilden zurückgekehrt, wo mir ausgiebige Feldstudien in Strandcafés und Ufernähe möglich waren, fiel mir eine besondere Gruppe auf. Menschen, die offenbar tätowiert sind, nicht weil sie offenbar ein Motiv hatten, sondern weil sie den Zustand der Untätowiertheit nicht mehr aushielten. Der leere Körper wurde ihnen zum sozialen Defizit. Zur ungenutzten Werbefläche. Zur noch nicht personalisierten Hülle. Man mußte etwas tun. Irgendetwas. Nur nicht mehr so aussehen, als sei man im Originalzustand verblieben. Das ist vielleicht die stärkste Versuchung: nicht das Bild, sondern die Behauptung. Eine Tätowierung sagt nicht nur „Seht her, das bin ich“, sondern sehr oft: „Seht her, ich habe etwas aus mir gemacht.“ Und wenn nicht aus mir, dann immerhin auf mir. Der Unterschied ist erheblich. Denn auf der Haut läßt sich vieles simulieren, was im Leben mühsam erworben werden müßte: Tiefe, Wagnis, Schmerz, Erinnerung, Weltläufigkeit, familiäre Loyalität. Ein tätowierter Arm kann Abenteuer erzählen, ohne daß eines stattgefunden haben muß. Ein Totenkopf kann Todesnähe behaupten, wo nur eine Steuererklärung offen ist. Ein Phönix kann Wiedergeburt reklamieren, obwohl man lediglich den Mobilfunkanbieter gewechselt hat. Besonders rührend sind jene Symbole, die mit maximalem Ernst minimale Aussage produzieren. Der Barcode im Nacken. Der QR-Code auf dem Unterarm. Die Koordinaten eines Ortes, den Google Maps längst vergessen hat. Der Tätowierungswunsch ist ja nicht per se lächerlich. Er berührt etwas Ernstes. Den Wunsch, nicht austauschbar zu sein. Den Wunsch, gesehen zu werden. Den Wunsch, den flüchtigen Körper mit Zeichen zu versehen, die länger halten sollen als Laune, Mode, Beziehung, Beruf, Gesichtsausdruck. In einer Gesellschaft, in der fast alles widerrufbar geworden ist, wirkt die Tätowierung wie ein kleiner Vertrag mit sich selbst. Unterschrieben mit Nadel. Kündigungsfrist: Laser, Schmerz, Kosten, Narbengewebe. Das Tragische beginnt dort, wo der Vertrag geschlossen wird, bevor der Inhalt klar ist. Die meisten dieser Bilder sind nicht Ausdruck von Individualität, sondern deren industriell gefertigte Ersatzteile. Man wählt aus, was viele wählen, um einzigartig zu wirken. Man markiert sich, um unverwechselbar zu sein, und landet in einer visuellen Massenkonfektion. Der tätowierte Körper ist dann kein Gegenentwurf zur Norm, sondern ihr neuestes Produkt. Rebellion aus dem Studio. Authentizität mit Terminvereinbarung. Einmal Identität, bitte, drei Stunden, Kartenzahlung möglich. Das Auge registriert diese Paradoxie sofort. Da steht ein Mensch am Strand, in sorgfältig kalkulierter Lässigkeit, das Handtuch über der Schulter, die Sonnenbrille zu teuer, der Gang zu eingeübt, und auf seinem Arm eine Rose gegen ein Schwert, ein Engel gegen irgendeinen Schatten. Man spürt: Hier sollte eine Geschichte entstehen. Herausgekommen ist ein Trailer für ein Fitnessstudio mit angeschlossener Lebenskrise. Manchmal denke ich: Vielleicht ist die unbeschriebene Haut inzwischen das letzte Provokationsmittel. Keine Zeichen. Kein Statement. Kein Code. Kein Motto. Keine Tätowierung als Beweis, daß man existiert. Einfach nur Haut. Alternd, hell, dunkel, gebräunt, fleckig, glatt, faltig, verletzlich, unplakatiert. Ein Körper, der nicht behauptet, mehr zu sein als ein Körper. Das könnte in Zeiten der Selbstvermarktung fast schon radikal wirken. Und so sitzt man am Meer, sieht die Prozession der bemalten Schultern, Waden, Rücken, Finger, Knöchel, Hälse, Rippenbögen, und denkt: Vielleicht ist das alles weniger Eitelkeit als Müdigkeit. Eine Müdigkeit am eigenen Unbezeichnetsein. Eine Angst, im großen weißen Rauschen der Gegenwart zu verschwinden. Also schreibt man sich etwas auf die Haut. Nicht unbedingt, weil man etwas zu sagen hätte. Sondern weil Schweigen auf Dauer nach Bedeutungslosigkeit aussieht. Motivempfhelung zum Schluß: Auf die Stirn ein Akkubalken mit 3 %.
++++++++++++++++
Die wahre Identität, die wahre Tiefe und die wahre Einzigartigkeit können nicht auf die Haut tätowiert werden. Sie wachsen von innen, aus der lebendigen Verbindung mit der Quelle (A∞). Wer diese Verbindung hat, braucht keine äußeren Zeichen. Seine Seele ist beschrieben – und das genügt.
